1.83 m Abstand reichen auch nicht aus – 15 min Expositionsdauer ist wohl zu lang – wie SARS-CoV-2 überholte Social-Distancing Massnahmen ignoriert.

Aktuell wird darüber debattiert, ob 1.83 m (Six-Feet) Abstand ausreichend sind und ob 15 Minuten Expositionsdauer eventuell zu lang ist. Das amerikanische Centers for Disease Control and Prevention (CDC) überarbeitet derzeit die Definition von „Close Contact“.

Die Schweizer Abstandsregel von 1.5m basiert unter anderem auf früheren Arbeiten von Wells (1934) zu Flüssigkeitströpfchen, welche von Xie et al. 2007 im Indoor Air Journal einer Review unterzogen wurde.

Quelle: Indoor Air Journal (2007), 17 p. 211-225

Mittlerweile besteht Evidenz, dass SARS-CoV-2 sehr häufig durch Aerosole übertragen wird. Daher sollte die Schweizer Abstandsregel von 1.5m kritisch überprüft werden. Aerosole können unter bestimmten Randbedingungen während langer Zeit in der Umgebungsluft schwebend verbleiben.

Ein weiterer kritischer Parameter für die Aerosol-Übertragung von SARS-CoV-2 ist die Expositionsdauer. Bisher wurde postuliert, dass die kritische Dauer 15 Minuten beträgt. Es besteht aber Grund zur Annahme, dass die Expositionsdauer von 15 Minuten kumulativ innerhalb von 24 Stunden zu betrachten ist. Es reichen also bereits 3 mal 5 Minuten über 24 Stunden aus.

Superspreader-Ereignisse wie beim Skagit Valley Chor (USA) wurden von mehreren Autoren in akribischer Detektivarbeit dazu benützt, um wertvolle Erkenntnisse zur Aerosol-Übertragung zu gewinnen. Weitere Autoren zeigen die Art und Weise, wie die 1.83 m (Six-feet) Abstandsregel von der Luftwechselrate, von der Grösse des Raums, von der Atemrate und der Atmungsaktivität der Benutzer abhängt. Die Infektiosität der Atemaerosole – ein krankheitsspezifischer Parameter – wurde anhand der verfügbaren Daten abgeschätzt. Die angenommenen Luftwechselraten von 8 ACH bei mechanischer Lüftung für eine vertretbare Expositionsdauer sind sehr hoch. Wie immer sind die Ergebnisse aufgrund der Unsicherheiten der Eingangsparameter mit erheblichen Unsicherheitsintervallen behaftet.

Quellen:

Xie X. et al. How far droplets can move in indoor environments – revisiting the Wells evaporation-falling curve.
Indoor Air. 2007; 17: p.211-225; doi:10.1111/j.1600-0668.2006.00469.x

Miller SL, Nazaroff WW, Jimenez JL, et al. Transmission of SARS-CoV-2 by inhalation of
respiratory aerosol in the Skagit Valley Chorale superspreading event.
Indoor Air. 2020; 00:1–10. https://doi.org/10.1111/ina.12751

Bazant M.Z, Bush J.W.M Beyond Six Feet: A Guideline to Limit Indoor Airborne Transmission of COVID-19
medRxiv, https://doi.org/10.1101/2020.08.26.20182824 (no peer review yet)

Kommentar von FREI WÜEST EXPERT
Die vorliegenden Arbeiten und die amerikanische Debatte lassen den Schluss zu, dass die Schweizer Abstandsregel von 1.5 m unter Berücksichtigung der Aerosol-Eigenschaften kritisch zu hinterfragen ist. Die Expositionsdauer von 15 Minuten muss hinsichtlich Einzelereignis resp. kumulativer Ereignisse überprüft werden. Zusammen mit der Frage der Wirksamkeit von Nasen-Mund-Masken und dem Aufenthalt in geschlossenen, meist unterbelüfteten Räumen besteht ansonsten die Gefahr, dass sich die Nutzer in falscher Sicherheit wiegen und das Risiko einer SARS-CoV-2 Übertragung stark unterschätzen.

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